Titel

Die Ausstellung

Henry van de Velde (1863-1957) wurde zum 1. April 1902 von Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Eisenach als künstlerischer Berater für Handwerk, Kunstgewerbe und Industrie berufen. Erklärtes Ziel war die Belebung des Handwerks der Region. So gründete man im gleichen Jahr das Kunstgewerbliche Seminar, der am 1. April 1908 die Eröffnung der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule folgte.
„Meine Berufung nach Weimar als Künstlerischer Berater wurde weithin als außerordentliches Ereignis empfunden [...]. In keinem Lande gab es etwas Ähnliches, und kein Souverän, keine Regierung hatte daran gedacht, dass verfallene Kunsthandwerk unter ihren Schutz zu nehmen [...]. Sowohl künstlerische wie wirtschaftliche Interessen veranlassten ihn [den Großherzog] und seine Regierung, mich mit der Aufgabe zu betrauen, das Niveau der kunsthandwerklichen und kunstindustriellen Produktion zu heben.”
- so äußert sich Henry van de Velde später in seinen biographischen Erinnerungen. In seiner Eigenschaft als Berater unternahm der belgische Architekt und Designer van de Velde mehrere Inspektionsreisen durch die Region. 1902 führte ihn sein Weg auch nach Jena-Burgau in die dort 1901 von Ferdinand Selle (1862 - 1915) neu gegründete Porzellanmanufaktur.

Die Burgauer Porzellan Manufaktur - „ohne Ballast der alten Modelle”

Schon im Dezember 1902 urteilte Henry van de Velde über die Erzeugnisse der neu gegründeten Manufaktur folgendermaßen:
„Ich [...] kann nicht umhin meiner Freude [...], Ausdruck zu geben, dass die Fabrik sich einzig der Herstellung solcher Gegenstände widmet, welche offenbar in ihren Formen, wie auch zum größten Teil in der Ornamentik den Charakter der meinigen tragen. Sie ist meines Wissens die erste Fabrik, deren Betrieb einzig auf die Fabrikation von Gegenständen im ‚modernen Stil’ gerichtet ist.”
Die Burgauer Porzellan-Manufaktur nahm gemeinsam mit anderen Firmen 1906 an der „Kollektiv-Ausstellung Weimarischer Kunstgewerben im einheitlich ausgestatteten Raum nach Entwurf des Herrn Prof. H. van de Velde” in Dresden teil. Diese „Dritte Deutsche Kunstgewerbeausstellung” gab einen entscheidenden Impuls zur Gründung des Deutschen Werkbunds, zu der Henry van de Velde beratend beigetragen hatte. Auch Ferdinand Selle schloss sich dem Bündnis an. Formen und Dekore der Burgauer Produktion orientierten sich an ästhetischen Positionen, wie sie vom Deutschen Werkbund formuliert wurden: Im Zentrum stand die Formgebung bestimmt durch den Zweck, das Material und die Konstruktion.

Die Künstlerentwürfe – Albert Gessner, Erich Kuithan, Albin Müller, Franz Seeck und Rudolf Wille arbeiten für die Manufaktur

Ferdinand Selle gelang es von Anfang an mit der Hinwendung zu sachlichen und schönen Formen und Dekoren im Sinne der Reformbewegung eine beachtliche Position für die Porzellan-Manufaktur zu erlangen. Dabei verließ sich Selle nicht nur auf seine eigenen Gestaltungsvorstellungen, sondern bezog neben van de Velde weitere Künstler in die Entwurfsarbeit ein. Das Service „Gerippt” mit dem Dekor „Viktoria” entwarf der Jenaer Erich Kuithan (1875-1917). Das Service „Anna” (1912/13) wird dem Architekten Franz Seeck (1874-1944) zugeschrieben. Professor Albin Müller (1871-1941) entwarf 1910 ein Service für die Burgauer Porzellan-Manufaktur. Seine Arbeit für Selle wurde auf der Brüsseler Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Das Dekor „Else” (1911) wurde vom Architekten Albert Gessner (1868-1953) gestaltet. 1914 zeigte man auf der Kölner Werkbund-Ausstellung ein von Rudolf und Fia Wille (1873-1948/1868-1920) entworfenes Kaffee- und Tafelservice.

Die Porzellan-Manufaktur Burgau und Henry van de Velde

Ferdinand Selle wandte sich möglicherweise 1904/05 erstmals an das Kunstgewerbliche Institut in Weimar. Selle beabsichtigte, Porzellan nach Entwürfen van de Veldes zu entwickeln und zu produzieren. Erste Prototypen des Burgauer Tee- und Kaffeeservices wurden wohl 1906 im Weimarer Kollektivraum auf der „Dritten Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung” in Dresden gezeigt. Briefe aus den Jahren 1913/14 von Ferdinand Selle an die Kunstgewerbeschule belegen nach einem größeren zeitlichen Abstand die weitere Zusammenarbeit. Zwar gibt es Zeitzeugenberichte, dass Einzelteile gelegentlich gefertigt worden seien – in Serie ging das Service nie. Geschuldet ist dies wohl mehreren Umständen: Am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg (in den auch Belgien trotz erklärter Neutralität gezogen wurde) – als ein in Weimar lebender Belgier blieb van de Velde davon nicht unberührt. Zudem war er kurz vor Ausbruch des Krieges zum Rücktritt vom Amt als Direktor der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule gezwungen worden. Schließlich verstarb Ferdinand Selle unerwartet am 9. Februar 1915 und mit ihm der spiritus rector der fortschrittlichen Gestaltung der Produkte für die Burgauer Manufaktur. All diese Umstände verhinderten die Serienproduktion des Services.

Geschichte mit den Händen erfahrbar machen – Die Wiederauflage von Porzellan aus Burgau

Obwohl die Porzellan-Manufaktur Burgau in der kurzen Zeit ihres Bestehens sehr bemerkenswerte Stücke hervorbrachte, ist sie heute fast in Vergessenheit geraten. Christine Klauder, Porzellandesignerin in Burgau, initiierte 2007 anlässlich des 750-jährigen Ortsjubiläums zusammen mit dem Ortsverein sowie einem vielfältigen Netzwerk aus Wirtschaft, Politik und Kultur eine Wiederauflage des von van de Velde entworfenen Services. Ein Projekt, das in zweifacher Hinsicht eine Art Wiedergutmachung in den Blick nimmt: An einem Künstler, der Weimar in der Hochphase seines Schaffens verlassen musste und an einem innovativen Unternehmer, der lange Jahre fast vergessen war. Zu erwerben sind die Repliken im Stadtmuseum Jena, in der Weimarer Museumsshop-GmbH, in den Tourist-Informationen Jena, Gera und Weimar, der Tourist-Information Erfurt, Villa Schulenburg Gera, Villa Esche Chemnitz, Porzellanmanufaktur Reichenbach, Bröhan-Museum Berlin u.a. Partnern.